Ist unsere Gesellschaft noch leidensfähig?

16 Dez 2020

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie schwirren mir viele Gedanken durch den Kopf. Gedanken, welche alles andere als „neu“ sind. Gedanken, welche seit dem Ausbruch meiner chronischen Erkrankung vor fünf Jahren präsent sind, sich aber nach und nach durch die Pandemie manifestieren. 

Eine besonders präsente und immer wiederkehrende Frage hierbei ist die Frage, um die Leidensfähigkeit unserer Gesellschaft. Eine Frage, welche ich heute einmal genauer betrachten möchte. Gar nicht mal so leicht, wo der Begriff „Whataboutism“ Einzug in den Wortschatz der meisten jungen Menschen in den sozialen Netzwerken gefunden hat und dabei leider oft aus dem Kontext gerissen wird. 

Deshalb vorab: Es geht mir nicht darum, Vergleiche zu schaffen. Denn Probleme sind subjektiv, situativ. Jeder Mensch darf Probleme haben, auch der privilegierteste Mensch darf Unmut und Unzufriedenheit äußern. Eine Sache fehlt mir hierbei aber manchmal: Der Weitblick, die Dankbarkeit seiner eigenen Situation gegenüber, ein Horizont, der über den eigenen Tellerrand hinausgeht. Denn: Wenn man sich auf das konzentriert was man hat, geht es einem deutlich besser, als wenn man sich auf das konzentriert, was man nicht hat. 

Aber nun von vorne: 

Die Corona-Pandemie spaltet. Sie spaltet Freundschaften, familiäre Beziehungen, die Politik, gar die Wissenschaft. Das liegt an verschiedenen Meinungen, Werten, erlebten Erfahrungen und Lebensphilosophien. Jeder geht mit solch einer Krise anders um. Und vorab: Das darf so sein. Das darf so lange so sein, bis es fremdgefährdend und unsittlich wird. Das darf so lange so sein, bis aus „aber meine Freiheit“ ein nicht mehr zu rechtfertigender Hedonismus oder auch schlichtweg ein ungesunder Egoismus wird.

Zurück zu meiner Frage: Sind wir als Gemeinschaft – kollektiv – noch leidensfähig, wenn es darauf ankommt? Können wir unsere eigenen Empfindlichkeiten zurückstecken für das „Große & Ganze?“ Als chronisch kranker Mensch kennt man das Phänomen um die sogenannte „Disaster-Fatigue“ – wo andere hinschauen und helfen, für einen da sind, Händchen halten und gut zureden, wenden sich andere Menschen von einem ab. Zu schwer ist das Leid der Anderen manchmal mit anzuschauen. Das sind psychologisch erklärbare Coping-Mechanismen in schwierigen Situationen: Abgrenzung. Aber Abgrenzung um welchen Preis? Ist eine weltweite Pandemie, die richtige Zeit für Abgrenzung und „Ich-Attitüden“?

In einer Pandemie, in der es nicht mehr nur um ein Individuum geht, könnte der Preis sehr hoch ausfallen. Und warum sollte man überhaupt leiden, sich zurücknehmen und zu Hause bleiben, wenn man sich selbst für unberechenbar und unverwundbar hält? Keine erwähnenswerten Risikofaktoren hat? 

Die Antwort ist ganz leicht: Für die Gesellschaft. Für unsere Nächsten, unsere Mitmenschen. Warum sind wir nicht bereit, für das Leben und zum Schutze anderer, zu verzichten und uns von unserer leidensfähigen Seite zu zeigen? Warum scheuen sich Menschen vor einem kurzen kollektiven „Leid“ – beispielsweise vor einem zweiwöchigen Zurückfahren aller Kontakte – um diesem Virus den Wirt zu nehmen? 

Als junge Frau, welche mit Anfang 20, bereits auf eine recht eindringliche Art und Weise lernen musste, was es bedeutet Verzicht zu üben, fällt mir derzeit immer wieder auf, wie schwer dieser eigentlich zu sein scheint. 

Ich habe ein systemisches Mastzellaktivierungssyndrom. Verzicht ist für mich – salopp gesagt – Alltag. Eins der normalsten Dinge der Welt. Nudeln mit Tomatensauce „Neeee, lass mal!“, mein Lieblingsparfum? „Besser nicht!“, Schminke? Vertrage ich seit Kurzem nicht mehr. Rotwein? Befördert mich Schnurstraks ins Bett. Party? Schön wärs! Dates? Gar nicht mal so leicht. Beim Weihnachtsessen schaue ich lieber zu, anstatt mir noch etwas Rotkohl auf den Teller zu laden. Urlaub? Davon träume ich. Spontane Treffen mit Freunden? In Schüben ist das undenkbar. Konzerte? Wenn da bloß nicht so viele Menschen so extrem gut duften würden. Gut, aber leider für mich unverträglich. Ein Job und damit finanzielle Sicherheiten? Für viele MCAS-Betroffene lange Geschichte. Ich könnte jetzt weiter machen… Was ich sagen will: MCAS bedeutet tagtäglicher Verzicht. Ob mit Corona oder ohne. Ein Arzt sagte einmal zu mir, er kenne keine Patientengruppe, die so leidensfähig sei wie wir. Ich wusste, dass er damit auch ausdrücken wollte, dass wir sehr geduldig und stark sind. Ja! Das sind wir. 

Diese Schilderungen bestätigen sich in letzter Zeit häufig in Gesprächen mit anderen Betroffenen. Sätze wie: „Es hat sich für mich kaum was geändert.“ Oder auch: „Das einzige was anders ist, ist, dass ich nicht mehr komisch angeschaut werde, weil jetzt alle Menschen eine Maske tragen.“ Oder noch trauriger: „Meine einzigen Kontakte bestehen aus Arztbesuchen. Leider fallen auch diese jetzt meistens auch flach.“ 

Solche Dinge stimmen mich tieftraurig. Nicht mein Verzicht stimmt mich tieftraurig, denn wenn ich in den letzten Jahren eins gelernt habe ist es folgendes: Man gewöhnt sich an alles! Man wächst an Widrigkeiten. Verzicht kann, aus bestimmten Blickwinkeln betrachtet, einen Menschen enorm transformieren und alte Glaubenssätze überdenken lassen. Was mich traurig stimmt ist, das all jene Menschen, die all das oben aufgezählte, also: Wein, Essen, Arbeit, finanzielle Sicherheit, Besitztümer, soziale Kontakte in verschiedenen Ausmaßen, ja sogar Urlaube – trotz Pandemie – noch haben und derer Verzicht nur für eine kurze Weile gefragt wäre, die sind, die sich am lautesten und ausgiebigsten beschweren, am lautesten auf ihre individuellen Freiheiten pochen und sich am vehementesten gegen die noch so milden Ratschläge der Regierung widersetzen. 

Diese „Me-Myself & I Stimmung“, welche teilweise zumindest in meinem (erweiterten) Bekanntenkreis vorherrscht, verstehe ich einfach nicht. Und als junges, chronisch krankes und schwerbehindertes Mädchen, welche das Paradebeispiel dafür ist, dass die Argumentation: „So ein einfacher Virus kann mir doch nix anhaben…“ leider hinkt, kann ich euch sagen: Wenn euer Sinn im Leben aus Party, Urlaub und „just good vibes“ besteht und ihr das Gefühl habt, dass euch gerade alles genommen wird, was euch ausgemacht hat, dann sucht euch im Zweifel einen besseren Sinn im Leben… Denn all diese Dinge können schneller weg sein, als ihr gucken könnt. Leider. Ja wirklich, leider. 

In dem dem Austausch und den (meistens) sehr konstruktiven Diskussionen über dieses individuelle Pochen auf die Freiheit, sehe ich die Argumente meiner Mitmenschen. Ich würde gar behaupten, dass ein Großteil von uns – uns MCASlern – diese Argumente besser verstehen und nachempfinden kann, als manch anderer Mensch. Eben deshalb, weil wir sie bereits durchlebt haben: 

Ja, Kurzarbeit und die damit einhergehende finanziell-problematische Lage ist fürchterlich. Ja, die Wirtschaft leidet enorm. Ja, es ist total doof, nicht in das Lieblingsrestaurant zu können. Ja, Isolation ist total ätzend! Ja, diese Veränderungen und vorzunehmenden Anpassungen tun manch einer Seele nicht gut. Sie gehen an die Substanz. Ja, fehlende Urlaube sind ebenfalls traurig. 

Aber sich deshalb nicht an die Regeln zu halten, welche die Bundesregierung mit Bedacht und im Sinne der Gemeinschaft, der Vulnerablen und im Sinne der Krisenbekämpfung ausruft, löst das Problem nicht. Ganz im Gegenteil. Die Argumente und darauf resultierendes Verhalten wie: „Ich gehe dennoch am Black-Friday raus und shoppe, schließlich braucht die Wirtschaft mich.“ oder: „Ich muss einfach auf diese Party, sonst sterbe ich vor Einsamkeit! Eine Woche alleine zu Hause sein kann ich nicht…“ oder noch viel gruseliger: „Ich ziehe keine Maske auf und benehme mich wie immer, ich lasse mir keine Angst machen, schließlich arbeitet meine Schwester in der Psychiatrie und ich kriege mit, wie Depressionen steigen. Da mache ich nicht mit“ sind schlichtweg: 

Nicht und in keinster Weise zu Ende gedacht!

Ganz im Gegenteil. Mit solch einer Haltung trägt man in grober und fahrlässiger Art und Weise zur Kehrseite bei. Die aktuellen Zahlen zeigen es eindeutig: Sie steigen, die Regeln werden verschärft. Und in Folge dessen, leidet die Wirtschaft länger, die psychisch kranken langfristiger und intensiver und für die Risikogruppen tritt die Hoffnung auf einen etwas „normaleren“ Alltag weiter in den Hintergrund. Aus dem „Alleine-Sein“ all der Menschen, die sich für Andere in Acht genommen haben, wird vielleicht schließlich doch eine ausgeprägte Einsamkeit. Ich finde: Diese ach-so augenscheinlich durchdachte Argumentation vieler meiner Mitmenschen ist nicht zu Ende gedacht. Die ach-so augenscheinliche Solidarität mit der Wirtschaft, mit Menschen, denen die Krise an die seelische Substanz geht, gleicht mehr einem Eigensinn, als einer durchdachten Würde und ethischem Handeln unseren Nächsten gegenüber. Hier werden Narrative geschaffen die solidarisch sein sollen, es in der Praxis aber leider nicht sind. 

Aus dem „Ich, ich, ich“ sollte wieder ein „Wir, wir, wir“ werden. Aus dem „Ich kann keine Woche alleine sein, keine Woche auf Dates oder Party verzichten…“ könnte ein: „Wenn ich eine Woche auf Parties und Dates verzichte und es mir in meiner schönen Wohnung so richtig gemütlich mache, könnte ich Leben retten!“ werden. Oder wie hat Altbundeskanzler Helmut Kohl einmal gesagt: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“ 

Lasst uns endlich an all diese Mitglieder, welche uns tagtäglich im Supermarkt, der Apotheke, der Arztpraxis begegnen, denken! Und das Argument: „Ich bin jung und fit, ich bin keine Risikogruppe, also kann ich Freunde treffen und Glühwein trinken.“ war so lange ein Argument (wenn auch ein eher selbstbezogenes) bis die Wissenschaft von den ersten Fällen der postviralen Fatigue berichtet hat. Welche bekanntlich jeden Menschen treffen kann. Egal, ob alt. Egal, ob jung. Egal, ob vorerkrankt oder nicht vorerkrankt. Diese Risikobereitschaft, endet somit schnell in einem monate- oder jahrelangem „Lockdown“. Der – auch hier spreche ich aus der Erfahrung vieler MCASler – leider weniger kollektiv sein wird, als den, den wir derzeit durchmachen.  

Eine Bekannte rechtfertige kürzlich ihre pandemischen Tinderdates mit dem Worten: „Also ich gehe danach ja nicht meinen Risikopapa besuchen, was mein Gegenüber nach dem Date macht, das muss er ja selber abwägen. Das steht nicht in meiner Verantwortung.“

Meine Meinung: Doch! Wir alle stehen in der Verantwortung. Und zwar für JEDEN!

Wir sollten unsere Augen aufmachen. Wir sollten nicht nur an unsere Mama und unseren Papa oder unsere eine „Risikogruppen-Freundin“ denken, die wir während der Pandemie schlichtweg meiden in dem Gedanken, somit alles richtig zu machen. Es geht im Leben nicht immer nur um seinen „Inner Circle“. Es geht nicht immer nur um den eigenen Kosmos. Zumindest nicht gerade. Denn, gerade geht es um alle: Um unsere Nachbarn, die Menschen, die uns begegnen: Auf dem Weg zur Post oder zur Arbeit. Es geht um Leben. Wenn ein jeder in der Lage wäre das zu verinnerlichen, wenn alle in der Lage wären eigene Attitüden für nur zwei Wochen zurückzustellen, dann hätten wir heute keine 952 Tote gehabt. Was nach einer bloßen Zahl klingt, sind Großeltern, Mütter, Väter, Partner, Freunde, Arbeitskollegen… Menschen, die vielleicht sterben mussten, weil ein gesunder, starker Mensch demonstrieren, am Black-Friday shoppen oder eine Party feiern musste. 

Ich wünsche mir, dass wir wieder bereit sind „zu leiden.“
Denn: Gemeinsames Leid kann Menschen verbinden, Horizonte erweitern und uns die Augen öffnen, uns zeigen, wie gut es uns eigentlich geht, trotz aller Widrigkeiten. Kollektives Leid kann Brücken bauen. Gemeinsames Leid kann sich ganz schnell in pures Glück verwandeln. Jede Selbsthilfegruppe ist der Beweis hierfür. 

Ich pflege immer zu sagen: ‚When you change the way you look at things, the things you look at change.’

In dem Sinne: Bleibt gesund, bleibt tapfer, bleibt positiv in euren Gedanken und bleibt dabei Corona-negativ. Lasst uns zusammenhalten, lasst uns uns gemeinsam in Leidensfähigkeit üben. Lasst uns lernen. Lasst uns gemeinsam unsere Glaubenssätze überdenken, lasst uns diese Zeit nutzen um inne zu halten, lasst uns gemeinsam versuchen unser Glück und unsere Freude aus anderen Dingen zu ziehen. Aus Dingen die trotz Pandemie nicht abgesagt sind: Gemütliche Abende auf der Couch, Filme sehen, durch die Wohnung tanzen, mit oder ohne Glühwein, unsere Liebsten anrufen, egal ob Risikogruppe oder nicht. Lasst uns zoomen, lasst uns lachen, lasst uns einander zuhören, lasst uns reden, lasst uns versuchen den anderen zu verstehen, lasst uns voneinander lernen, lasst uns auf Abstand zusammenhalten… Und wenn ihr wollt: Lasst euch Tipps von uns „Profis“ in Sachen „Isolation, Verzicht und Coping“ geben. Lasst uns ab und an mal nach links schauen, nach rechts schauen, lasst uns unsere Privilegien und Prinzipien checken. Lasst uns an all jene denken, die derzeit vor Triage-Entscheidungen stehen; an all die Pflegekräfte und Mediziner, die für uns an der Front stehen. Die manchmal sicherlich auch für uns leiden. Lasst uns Dankbarkeit üben.

All das, mit dem Ziel vor Augen, dass wir irgendwann alle wieder zusammen tanzen können und lachen können, uns umarmen können:

Die Schwächsten und die Stärksten. Denn, wir haben alle ein Recht darauf.

Eure Ronja