Kathrins Gedanken zu einem Leben mit MCAS

28 Jan 2022

Der letzte Blogbeitrag von Sabine hat mich dazu inspiriert, selbst meinen Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen.

Was macht MCAS mit mir?

Was passiert mit meinen eigenen Gefühlen und Gedanken?

Und wenn ich so in mich hinein lausche, so höre ich eine Menge: lest hier weiter und fühlt Euch weniger allein…

Ich bin fest überzeugt, dass es vielen so geht, wie mir: Wenn ich in mich blicke, dann sehe ich so unendlich viele Emotionen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben und es ergibt sich ein buntes Bild von Anteilen in mir, die im Alltag immer wieder Raum einnehmen (wollen):

Darf ich vorstellen, da ist zum Beispiel der Leistungspart in mir, der immer wieder was erreichen, funktionieren will und gerne mal mit dem Kopf durch die Wand läuft (oder es zu mindest versucht).

Da meldet sich auch gleich ein Anteil zu Wort, der losschreit, weil er vor allem spürt, was der Körper gerade nicht kann und den Leistungsanteil für ziemlich schwachsinnig hält, vor allem hat dieser Anteil mögliche Konsequenzen bestens im Blick.

Es gibt die Traurigkeit über all die verpassten Möglichkeiten, die Zurückgezogenheit und verlorenen Lebensziele.

Und es gibt die Kämpferin, die immer wieder aufsteht!

Ein Teil in mir ist friedlich, genügsam und dankbar über alles, was möglich ist. Wie wunderbar.

Ein lauter Teil in mir ist sauer, frustriert, verärgert, verbittert, fühlt sich ungerecht behandelt und überhaupt erscheint ihm das Leben unfair und hart.

Ein weicher Teil ist mitfühlend mit der Situation, sorgt sich, ist freundlich und von Herzen engagiert darin, Selbstfürsorge an den Tag zu legen.

Ein einsamer Teil fühlt sich verloren.

Ein geselliger Teil sucht Kontakt zu Gleichgesinnten, zu Freunden und Familie und vor allem die Liebe zu Luzi, der Mischlingshündin, die als loyaler Gefährte im Alltag stets dabei ist.

Ein Teil fühlt sich stark, weil er weiß, was er alles geschafft hat.

Ein Teil fühlt sich schwach, weil er Ansprüchen nicht genügt, die einmal wichtig waren.

Ein verständnisvoller Teil hat neue Werte, Prioritäten und Ziele und ist stolz darauf.

Ein introvertierter Teil liebt die Ruhe im Leben, die Langsamkeit, die Achtsamkeit und die Wertschätzung der positiven Momente, der Genuss dieser und sogar die Akzeptanz der herausfordernden Augenblicke.

Ein ungeduldiger Teil wird schnell nervös, hat das Ganze satt und kommt kaum zur Ruhe.

Ein Teil ist einfach nur erschöpft und schwer.

Ein Teil spürt Sehnsucht nach Lebensfreude und Leichtigkeit in all dem Wahnsinn.

Ein Teil übertreibt es immer wieder.

Ein Teil ist vorsichtig und ängstlich.

Ein Teil fühlt sich unverstanden, ohne ausreichende ärztliche Betreuung und Unterstützung.

Ein Teil ist berührt von jedem offenen Ohr und wirklichem Interesse daran, zu helfen.

ALL DAS BIN ICH!

Und ja, jeder dieser Anteile will mal auf die Bühne meines Lebens und hat seine Daseinsberechtigung! Ich habe mir vorgenommen, jedem Anteil seinen Raum zu geben, keiner soll verdrängt werden und keiner soll die Hauptrolle übernehmen, ganz egal was andere von mir denken. Es ist ok, das ganze Spektrum zu erleben – ist nicht genau das Lebendigkeit? Und vielleicht wird es sogar mal Zeit, die eine oder andere Stimme etwas bewusster wahrzunehmen und zu Wort kommen zu lassen… denn manche sind definitiv Bühnenerfahrener als andere…

Und wenn andere fragen, „Wie geht es Dir?“

Da bin ich ehrlich gesagt oft überfordert. Schließlich ist nichts nur schwarz oder weiß.

Wie soll es mir gehen?

Ich habe das Gefühl, es wird erwartet, dass ich mich mit der Situation „Leben mit MCAS“ ja im Laufe der Jahre arrangiert haben muss. Also geht es mir den Umständen entsprechend gerade gut? Da schreit sofort ein Teil in mir: „Manche Dinge sind auch jetzt noch (oder wieder oder sogar verstärkt) schwierig, anstrengend und ehrlich gesagt zum Kotzen“, auch wenn ich sie vielleicht bereits kenne, oder gerade deshalb? Und manche Dinge sind besonders wundervoll, weil ich sie unendlich zu schätzen weiß. Ich lebe schließlich sehr bewusst und die nährenden Momente empfange ich mit offenen Armen.

Meine Lieblingsantwort lautet also: „Bunt gemischt.“

Eure Kathrin