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  • #2547
    Dr. Ternes
    Teilnehmer

    An dieser Stelle gebe ich allgemeine Hinweise zur GdB-Antragsstellung und informiere ggf. über Änderungen der Versorgungsmedizin-Verordnung.

    #2563
    Dr. Ternes
    Teilnehmer

    Teil 1/3

    Hier ein paar grundsätzliche Hinweise zur Antragstellung:

    1. Keine Liste von Symptomen aufführen oder versuchen einzelne Beschwerden unterschiedlichen Organsystemen zuzuordnen! Die Einschränkungen bei MCAS sollten in ihrer Gesamtheit betrachtet werden.

    MCAS findet in der Versorgungsmedizin-Verordnung keinerlei Erwähnung. Selbst unter „Mastozytose“ findet sich nichts.

    Am ehesten zuordnen kann man die Erkrankung – wie das Chronic Fatigue Syndrom (das sich ja in vielerlei Hinsicht mit MCAS überschneidet), die Fibromyalgie und die Multiple Chemical Sensivity – dem Kapitel 18 (Haltungs- und Bewegungsorgane, rheumatische Krankheiten), Unterpunkt 18.4 (Fibromyalgie). Dort heißt es:

    18.4 Fibromyalgie

    Die Fibromyalgie, das Chronic Fatigue Syndrom (CFS), die Multiple Chemical Sensivity (MCS) und ähnliche Syndrome sind jeweils im Einzelfall entsprechend der funktionellen Auswirkungen analog zu beurteilen.

    Verglichen werden diese Erkrankungen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, die wie folgt bewertet werden:

    18.2.1 Entzündlich-rheumatische Krankheiten der Gelenke und/oder der Wirbelsäule (z.B. Bechterew-Krankheit)

    ohne wesentliche Funktionseinschränkungen mit leichten Beschwerden —– 10

    mit geringen Auswirkungen (leichtgradige Funktionseinbußen und Beschwerden, je nach Art und Umfang des Gelenkbefalls, geringe Krankheitsaktivität —– 20 – 40

    mit mittelgradigen Auswirkungen (dauernde erhebliche Funktionseinbußen und Beschwerden, therapeutisch schwer beeinflussbare Krankheitsaktivität—— 50 – 70

    mit schweren Auswirkungen (irreversible Funktionseinbußen, hochgradige Progredienz —– 80 – 100

    Auswirkungen über sechs Monate anhaltender aggressiver Therapien sind gegebenenfalls zusätzlich zu berücksichtigen.

    Bei der Antragstellung könnte man z.B. unter geltend gemachten Behinderungen schreiben: >> Mastzellaktivierungssyndrom mit dauernden erheblichen Funktionseinbußen, Darmbeschwerden und Schmerzen bei therapeutisch schwer beeinflussbarer Krankheitsaktivität <<. Hinzufügen sollte man ein Aktivitäts- und Schmerztagebuch über 4 Wochen.

     

    #2567
    Dr. Ternes
    Teilnehmer

    Teil 2/3

    Und DAS ist dann leider die Realität: Bei der überwältigenden Mehrheit der Betroffenen – egal ob CFS oder MCAS, Fibromyalgie, MCS – wird das Krankheitsbild als „Psychische Störung“ bewertet. Warum ist das so?

    Dazu muss man wissen, dass die Gutachter/-innen in der Versorgungsmedizin nicht mit der Versorgungsmedizin-Verordnung arbeiten (die ist Vielen zu abstrakt), sondern mit dem „Arbeitskompendium der versorgungsmedizinisch tätigen Leitenden Ärztinnen und Ärzte der Länder und der Bundeswehr“ 

    ( https://rp-giessen.hessen.de/sites/rp-giessen.hessen.de/files/content-downloads/Arbeitskompendium_Band_I_15_2.pdf )

    Dort sind praktische Hinweise mit sogenannten Beiratsbeschlüssen aufgeführt.

    Der „Beirat“ besteht aus 17 vom BMAS auf vier Jahre berufenen Mitgliedern, darunter je acht versorgungsmedizinisch und acht wissenschaftlich besonders qualifizierte Ärzte sowie ein Arzt aus dem versorgungsärztlich-gutachtlichen Bereich der Bundeswehr. Er trifft sich in regelmäßigen Abständen; dabei werden bei Bedarf die sogenannten Beiratsbeschlüsse gefasst.

    Unter dem Punkt 18.4 taucht in dem Arbeitskompendium auf Seite 329/330 ein unsäglicher Beiratsbeschluss aus dem Jahr 1998 (!) auf, in dem empfohlen wird, sogenannte „Umwelterkrankungen“ unter „Neurologischen und Persönlichkeitsstörungen“ zu bewerten.

    Ein mehr als 20 Jahre alter Beiratsbeschluss dient den versorgungsmedizinisch tätigen Ärzten/-innen als Grundlage für ihre Entscheidung:(

    Leider tragen die Richter an den Sozialgerichten diese Einordnung im Klageverfahren so gut wie immer mit. Anstatt sich an den gesetzlichen Vorgaben zu orientieren (die wie oben beschrieben eine Vergleichbarkeit mit rheumatischen Erkrankungen herstellen), hält sich ein Uralt-Beiratsbeschluss hartnäckig auch auf den Richterstühlen.

    #2568
    Dr. Ternes
    Teilnehmer

    Teil 3/3

    2. Bei der Antragstellung sollte man die Weitergabe an externe Gutachter ausschließen.

    MCAS hat eine komplexe Symptomatik, im Prinzip ist jede(r) Betroffene ein Einzelfall mit individuellen Einschränkungen. Das kostet in der Bewertung des Behindertengrades Zeit. Sehr wenige Ärzte sind über das Krankheitsbild umfassend informiert, was bedeutet, dass man sich für eine angemessene Bewertung Zeit zum Nachlesen und Recherchieren nehmen muss.

    Externe Gutachter in den Versorgungsämtern werden pro gutachterlicher Stellungnahme bezahlt: je mehr Gutachten, umso mehr Geld. Um sicher zu gehen, dass für die Bewertung des Antrags ausreichend Zeit zur Verfügung steht, sollte man auf die internen Gutachter der Versorgungsämter setzen.

    In manchen Bundesländern wird im Antrag gezielt nach der Weitergabe an Außengutachter gefragt, in anderen (z.B. Bayern) gibt es nur einen versteckten Hinweis in den Datenschutzrichtlinien und man muss sich selbst die Mühe machen, einen Schriftsatz aufzusetzen. Dabei genügt es, wenn man neben Namen und Anschrift lediglich schreibt: >> Hiermit widerspreche ich der Weitergabe meines Antrages (und ggf. aller Folgeanträge) an einen Außengutachter. << – und das Ganze mit Datum und Unterschrift versieht.

    • Diese Antwort wurde geändert vor 2 Wochen von Dr. Ternes.
    #2573
    MCASHunter
    Teilnehmer

    Hallo Fr. Dr. Ternes,

     

    vielen Dank für die vielen Informationen. Das Arbeitskompendium kannte ich bisher noch nicht.

    Auch wenn es noch keine ICD-10 für MCAS gibt, sollte man es also angeben, sofern es einen Arzt gibt, der einen eine entsprechende Diagnose erstellt, wobei ohne ICD-10 er das eigentlich gar nicht kann.

     

    Und wie ist die allgemeine Erfahrung, ob jetzt analog als „psychische Störung“ oder analaog als „entzündlich-rheumatischen Erkrankung“, wird  eine Schwerbehinderung anerkannt oder im Regelfall dann doch eher abgelehnt bzw. nur mit einem sehr niedrigen Satz anerkennt, weil die Materie MCAS im Versorgungsamt niemand wirklich kennt?

    #2578
    Dr. Ternes
    Teilnehmer

    Lieber MCASHunter,

    die Diagnose Mastzellaktivierungssyndrom würde ich im Antrag allein schon deshalb angeben, damit die Ärzte in der Versorgungsmedizin durch das häufigere Lesen der Diagnose sensibilisiert werden;)

    Wird die MCAS-Diagnose als psychische Störung/Persönlichkeitsstörung bewertet, erfolgt die Einteilung nach dem Ausmaß der vorliegenden „sozialen Anpassungsschwierigkeiten“. Dabei spielt in der Praxis die Arbeit-/Erwerbsfähigkeit eine große Rolle. In dem weiter oben erwähnten Arbeitskompendium ist aufgeführt, was man unter mittelgradigen und schweren sozialen Anpassungsschwierigkeiten versteht (s. 147/148):

    mittelgradige soziale Anpassungsschwierigkeiten (GdB 50 – 70)

    In den meisten Berufen sich auswirkende psychische Veränderung, die zwar weitere Tätigkeit grundsätzlich noch erlaubt, jedoch eine verminderte Einsatzfähigkeit bedingt, die auch eine berufliche Gefährdung einschließt. Erhebliche familiäre Probleme durch Kontaktverlust und affektive Nivellierung, aber noch keine Isolierung, noch kein sozialer Rückzug in einem Umfang, der z. B. eine vorher intakte Ehe stark gefährden könnte.

    schwere soziale Anpassungsschwierigkeiten (GdB 80 – 100)

    Weitere berufliche Tätigkeit sehr stark gefährdet oder ausgeschlossen. Schwerwiegende Probleme in der Familie oder im Freundes- bzw. Bekanntenkreis, bis zur Trennung von der Familie, vom Partner oder Bekanntenkreis.

    Ist man seit mehr als 6 Monaten arbeitsunfähig geschrieben, liegen die Voraussetzungen für mittelgradige Anpassungsschwierigkeiten vor. Wird man aufgrund der Erkrankung dauerhaft berentet, liegen die Voraussetzungen  für schwere Anpassungsschwierigkeiten vor. In diesen beiden Fällen wird ein Schwerbehindertengrad erreicht. Wird das abgelehnt, lohnt sich ein Widerspruch bis hin zur Klage.

    Wenn man gar nicht erwerbstätig war oder selbständig war oder sich trotz heftiger Beschwerden weiter zur Arbeit schleppt, landet man bei der Begutachtung in der Regel in den „unteren Rängen“:

    Leichtere psychovegetative oder psychische Störungen . . . . . . . . . . . . 0 – 20

    Stärker behindernde Störungen mit wesentlicher Einschränkung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit (z. B. ausgeprägtere depressive, hypochondrische, asthenische oder phobische Störungen, Entwicklungen mit Krankheitswert, somatoforme Störungen)…………………30 – 40

    Da man in Wirklichkeit ja gar nicht psychisch krank ist, ist man hier bei der Beweisführung für das Vorliegen eines höheren GdB´s automatisch ausgebremst. Zu Gunsten des Antragstellers werden hier allenfalls noch die therapeutischen Bemühungen gewertet:

    Der erfolgte therapeutische und rehabilitative Aufwand könne als zusätzlicher Hinweis auf das Ausmaß der Beeinträchtigung angesehen werden. (Arbeitskompendium S. 330)

    In den seltenen Fällen, in denen ein MCAS oder CFS als organische Erkrankung analog zu rheumatischen Erkrankungen gewertet wird, ist der Ermessensspielraum der Gutachter groß. Bei rheumatischen Erkrankungen gibt es laborchemische Befunde und einen etablierten score (DAS 28), der die Aktivität des Rheumas anzeigt – was sich dann auf den GdB übertragen lässt. Solange es keinen vergleichbaren score für MCAS gibt, heißt die Devise im Zweifelsfall wohl eher „niedrig bewerten“:(

    LG

    M. Ternes

    #2582
    MCASHunter
    Teilnehmer

    Vielen Dank nochmals für Ihre sehr ausführlichen und interessanten Informationen Frau Dr. Ternes.

    Wenn man also weniger als sechs Monate Arbeitsunfähig war, dürfte ein Schwerbehinderungsgrad von 50 % eher unwahrscheinlich sein? Habe ich das so richtig interpretiert?

    Und welche Vorteile hat man, wenn man einen Schwerbehinderungsgrad von 30 – 40 % bekommt. Was hat es mit dieser Gleichstellung auf sich? Wie hoch sind die Chancen in einem späteren Verfahren bei einem Verschlimmerungsantrag einen höheren Schwerbehinderungsgrad zu erhalten? Besser als nichts erst mit einem niedrigeren Schwerbehinderungsgrad anfangen, um dann später vielleicht durch einen oder mehrere Verschlimmerungsanträge einen höheren Grad zu erhalten oder besser noch warten und dann erst einen Antrag stellen, wenn die 50 % relativ wahrscheinlich erscheinen?

    #2594
    Melanie
    Teilnehmer

    Liebe Frau Dr. Ternes,

    ganz herzlichen Dank für die vielen Informationen!

    Ich hätte dazu aktuell auch noch zwei Fragen.

    1) Wie ausführlich und detailliert sollte denn so ein Tätigkeiten- und Beschwerdeprotokoll über 4 Wochen sein?

    2) Ich bin durch die Vielzahl, Stärke und Unvorhersehbarkeit meiner Beschwerden nun seit fast einem Jahr im Krankengeldbezug und entsprechend länger arbeitsunfähig geschrieben, habe meine Diagnose allerdings erst seit etwa einem Monat. Insbesondere hat dadurch auch die Therapie mit den Basismedikamenten erst jetzt begonnen, die sich, wie ja anscheinend oft der Fall, erstmal eher schwierig gestaltet. Macht es in dieser Situation / zu diesem Zeitpunkt aus Ihrer Sicht Sinn, einen Antrag zu stellen, oder sollte ich damit eher noch abwarten und schauen, wie es sich bei mir mit den Medikamenten weiterentwickelt?

    Herzliche Grüße

    Melanie

    #2601
    Dr. Ternes
    Teilnehmer

    Hallo

    zu den Fragen von MCASHunter:

    Der 6-Monatszeitraum spielt im Schwerbehindertenrecht eine große Rolle:

    Der GdS setzt eine nicht nur vorübergehende und damit eine über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten sich erstreckende Gesundheitsstörung voraus. (VersMedV)

    Bei einigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen kann man von Beginn an davon ausgehen, dass sie länger als 6 Monate dauern oder dauerhaft sind, wie z.B. Amputation/ Krebserkrankung. Bei anderen Erkrankungen muss der 6 Monatszeitraum abgewartet werden, wie z.B. nach einem Schlaganfall (es könnte sich ja noch was bessern).  Für MCAS`ler bedeutet das, sich an der traurigen Realität zu orientieren: Man wird als psychisch krank betrachtet und nach den Vorgaben der VersMedV bzw. des Arbeitskompendiums beurteilt. Mit einer über 6 Monate bestehenden Arbeitsunfähigkeit kann man von einer dauerhaft schweren Einschränkung ausgehen, die eine Schwerbehinderung (GdB ab 50) begründet.

    Ob man vorher schon einen Antrag stellen soll, lässt sich nicht pauschal beantworten. Hat man neben der MCAS noch weitere gesundheitliche Einschränkungen, resultiert vielleicht in der Gesamtschau ein GdB von mindestens 50. Hat man Beeinträchtigungen an Gelenken oder der Wirbelsäule, lohnt sich ein Antrag unter Umständen, auch wenn die zusätzlichen Beeinträchtigungen nur einen GdB von 10 begründen.

    Wird für die MCAS ein GdB von 30 vergeben und hat man zusätzlich einen GdB von (mindestens) 10 für Beeinträchtigungen der Wirbelsäule oder Gelenke, wird die sogenannte „dauernde Einbuße der körperlichen Beweglichkeit“ festgestellt, die man mit einem Pauschbetrag nach §33b EStG in seiner Einkommensteuererklärung geltend machen kann.

    ************************************

    Zu den Fragen von Melanie:

    1. Das 4-Wochen Protokoll sollte die Angaben der üblichen Schmerztagebücher plus ein Aktivitätsprotokoll enthalten. Unter „Schmerztagebuch“ finden sich in den Suchmaschinen im Internet viele Vorlagen, die mehr oder weniger alle ähnlich sind. Ergänzen sollte man dann die körperlichen Aktivitäten über den Tag (bei manchen Betroffenen ist das so erschreckend wenig, dass die Dokumentation wirklich wichtig ist).

    2. Bei einem Krankengeldbezug von über einem Jahr lohnt sich ein Antrag; der Zeitpunkt der Diagnose ist da eher zweitrangig, der erst kurzzeitige Beginn einer Therapie könnte bei einem spitzfindigen Gutachter eventuell dazu führen, dass der GdB zeitlich begrenzt wird.

    **********************************************

    Ich hoffe ich konnte eure Fragen hinreichend beantworten und wünsche euch ein mastzellenfreundliches Wochenende!

    LG M. Ternes

    #2605
    Melanie
    Teilnehmer

    Liebe Frau Dr. Ternes,

    ganz lieben Dank!

    Viele Grüße
    Melanie

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