Warum ein ausgefallenes Silvesterfest kein Weltuntergang ist und was du tun kannst, um es dennoch unvergesslich zu gestalten

28 Dez 2020

Zugegeben, diesen Artikel zu verfassen fällt mir nicht sonderlich schwer. Ich war nie ein sonderlich großer Silvesterfan. Dieser eine letzte Tag des Jahres… Ein Tag, an den viele Menschen hohe Erwartungen haben. Auch ich war früher der Annahme, aus diesem letzten Tage noch mal das Beste rauszuholen. Also: Ab in das neue Kleid, ein schönes Make-Up aufgelegt, mich mit Freunden getroffen, den Raclette-Grill angeschaltet, Wein auf den Tisch und dann ab auf die coolsten Hausparties der Stadt. Gebangt warten bis es Null Uhr ist, um mit Sekt in der Hand auf das neue Jahr anzustoßen und irgendwann in den frühen Morgenstunden alleine durch den Dreck nach Hause zu torkeln. Wie man das halt so macht. Macht ja eigentlich jeder so in meinem Alter, oder? Und wenn alle das machen, dann schließe ich mich natürlich an. Was will ich denn an Silvester alleine zu Hause? Und was verpassen, will ich schon mal gar nicht!

Mein Mindset änderte sich dann doch recht früh. Denn früh bemerkte ich, dass diese Erwartungen, die ich und viele meiner Mitmenschen an diesen Tag hegen, oftmals nicht erfüllt werden können. Viele Silvester sind mir retroperspektive gar in ganz fürchterlicher Erinnerung geblieben. Warum eigentlich muss der ‚letzte Tag des Jahres’ einem unbedingt in Erinnerung bleiben? Woher kommt der Drang, noch einmal das Allerbeste aus diesem Tag herauszuholen? Und woher diese hohen Erwartungen?

Mit 19 begegnete mir das Lied des deutschen Kabarettisten Reinald Grebe. Dreimal dürft ihr raten, wie es heißt: Genau: ‚Silvester’: “Das ist doch nur ein Datum – und alle fallen drauf rein“. Ja. Irgendwie genau so. Ich fand meine Gedanken in einem Songtext wieder.

Schon als Kind hatte ich wahnsinnige Angst vor der lauten Böllerei. Ich verstand nicht, warum man Dinge anzündet, die einfach nur Krach machen, stinken und dabei nicht einmal schön aussehen. Diese Tradition fand bei mir und auch meiner Familie gottsei Dank nie Anklang. Damit war für mich eine große Tradition des Silvesterfestes ohnehin nie relevant.

Mit dem Ausbruch meiner Erkrankung rutschen auch die anderen ‚Bräuche’ in den Hintergrund und das Silvesterfest bekam fortan eine neue Bedeutung für mich. Den Jahreswechsel von 2017 auf 2018 verbrachte ich erstmalig alleine. Ja, ganz alleine. Für jegliche Form von Unternehmung ging es mir einfach zu schlecht. Essen konnte ich nicht, ich bekam noch keine Therapie und mein Körper lehnte jegliche Form von Nahrungsmittel ab. Ich weiß noch, wie ich alleine auf der Couch lag, Dinner For One schaute und etwas wehleidig an meine Freundinnen dachte, die sich wohl gerade schick machten und Rotwein tranken. Aber was genau brachte mir dieses Gedankenkarussell? Zugebenermaßen recht wenig. Also rief ich mir, während ein paar Tränchen über meine Wange kullerten, meine eigentliche Einstellung zu diesem Tag im Jahr wieder in Gedanken und summte das Lied von Reinald Grebe: „Das ist doch nur ein Datum – und alle fallen drauf rein.“

Meine zwei darauffolgenden Silvester liefen sehr ähnlich ab. Mit dem Unterschied, dass ich diesmal nicht ganz alleine war, sondern mein Partner mir Gesellschaft leistete. In dem einen Jahr mit gemeinsamen Abendessen, in dem anderen Jahr ohne gemeinsames Abendessen. Je nach dem, was meine Mastzellen an dem Tag so verlangt haben. In diesen vergangenen 3 Jahren habe ich – für mich – viele kleine Rituale entwickelt, die meine Silvester alleine, oder meine Silvester in trauter Zweisamkeit, zu den schönsten und ja, unvergesslichsten Silvester in 28 Lebensjahren gemacht haben.

Da dieses Lockdown-Silvester für viele Menschen erstmalig anders sein wird als ihre vielleicht gewohnten Silvester, in denen Kurztrips, Skiurlaube, Parties und Diskotheken im Vordergrund standen, möchte ich meine ‚Isolations-Silvester-Hacks’ gerne mit euch teilen.

Vielleicht werden sie für den ein oder anderen ja genauso zum Ritual, wie sie es für mich geworden sind:

  • Schreib einen Brief an das vergangene Jahr und lasse die Dinge Revue passieren. Was lief toll? Was weniger? Was hat dich das Jahr gelehrt? Wofür bist du dankbar? Welche Menschen haben dich begleitet, was war dein tollster Moment? Ganz klassisch beginnt dieser Brief bei mir jedes Jahr mit den Worten: ‚Liebes Jahr 20XX’. Tatsächlich habe ich dieses Ritual aus einer Melancholie heraus schon vor meiner Erkrankung eingeführt. Mittlerweile habe ich eine kleine Sammlung an ‚Liebes Jahr 20XX- Briefen’, welche alle sehr intim und gut versteckt sind und mir wahnsinnig viel bedeuten. Der Inhalt dieser Briefe hat sich natürlich echt total verändert! Es macht riesig Spaß seine eigene ‚Entwicklung’ anhand dieser kleinen Tradition zu betrachten.
  • Wenn dir der Brief an das Jahr zu viel Arbeit ist oder dich zu viel Kraft kostet, könnte vielleicht diese Idee etwas für dich sein:
  • Besorge dir ein Weckglas, ruhig ein etwas Größeres. Dazu einen Stift und einen Block. Es gibt verschiedene Ideen und Ansätze, um dieses Glas zu füllen. Beispielsweise mit Wünschen an das neue Jahr, welche man auf einen Zettel schreibt und in das Glas wirft. Oder aber ihr füllt es mit Ängsten oder Vergangenem, eben Dingen, die ihr unbedingt loslassen und schlichtweg nicht mit ins neue Jahr nehmen wollt. Wenn man möchte und es verträgt, kann man diese Ängste, Wünsche, Glaubenssätze oder was auch immer man in das Glas gefüllt hat anschließend im Garten verbrennen und die Asche in den Wind streuen. Aber Achtung. Mit Feuer spielen ist bekanntlich manchmal gefährlich und das sollte man natürlich nur tun, wenn man den aufsteigenden Qualm verträgt! 🙂 Natürlich kann man das Glas auch gefüllt lassen – beispielsweise mit Wünschen – und im kommenden Jahr schauen, welche Wünsche in Erfüllung gegangen sind.

    Den Ideen für die Befüllung dieses Glases sind wirklich keine Grenzen gesetzt! Ein Jahr habe ich mir 100 hoffnungsvolle Sprüche in das Glas geschrieben und über das Jahr – immer wenn ich etwas Hoffnung gebrauchen konnte – einen Zettel gezogen.

    Apropos: Das ist übrigens auch eine super Sache, die man mit dem Partner oder der besten Freundin tun kann! So kann man sich beispielweise gegenseitig etwas wünschen oder gemeinsame Wünsche formulieren.
  • Packt euch dick ein und macht einen Spaziergang vor Mitternacht. Genießt die Ruhe vor dem Sturm und freut euch über die Musik und die Stimmen, die aus den Häusern dröhnen (gilt hoffentlich nicht für’s Jahr 2020! ;-)) So ist man dann irgendwie doch ein Teil davon, ganz ohne ein Teil zu sein. Mittlerweile freue ich mich, mich für die anderen freuen zu können.
  • Kocht euch – sofern möglich – ein histaminfreies Festmahl. Wenn ihr um 00:00 doch anstoßen wollt – einfach mit euch selbst – oder mit eurem Lieblingsmensch, dann besorgt euch doch milden histaminarmen Verjus und mischt ihn mit Wasser. Wenn man fest dran glaubt, schmeckt dieser fast wie Champagner! „Ohhhh, ich glaub, ich trinke Sterne.“
  • Hört euer Lieblingslied des Jahres und tanzt durch die Wohnung. Ich garantiere euch, das geht auch wunderbar alleine! Vielleicht habt ihr einen Lieblingsfilm? Ich finde: Manche Filme kann man mindestens einmal im Jahr schauen. Daraus kann eine wunderbare ‚Silvestertradition’ werden.
  • Macht etwas, was ihr noch nie gemacht habt! Vielleicht ein Bild malen? Etwas stricken? Einen Wandkalender für das neue Jahr basteln? Einem alten, vergessenen Freund einen Brief schreiben?
  • Und wenn Corona dann mal wieder vorbei ist und ihr alleine seid, während eure Liebsten vielleicht feiern, dann fragt sie doch einfach mal, ob sie euch um kurz vor 12 via Zoom oder Skype dazuschalten. Diese Apps dürfte durch die Pandemie ja jetzt jeder kennen und ihre Vorteile zu nutzen wissen. Vielleicht wart ihr in den vergangenen Jahren auch ganz alleine zu Hause und habt darunter sehr gelitten? Das würde ich aus tiefstem Herzen verstehen. Deshalb wünsche ich euch für das neue Jahr Freunde, Familienmitglieder und Partner, die vielleicht – wenn nicht schon geschehen – durch dieses „Corona-Silvester“ sensibilisiert werden und es vielleicht in dem ein oder anderen Jahr genießen, mit euch neue Rituale einzuführen, Traditionen weiterzuführen oder einfach nur auf der Couch gemeinsam zu kuscheln. Denn sind wir mal ehrlich: All das ist so viel wertvoller als jede überfüllte Silvesterdisko.

Habt ihr noch weitere Tipps für ein perfektes Silvester ‚allein zu Haus’?

Dann teilt sie gerne mit unserer Community.

Ich wünsche euch ein chronisch fabelhaftes Jahr 2021, bleibt virusverschont!

Eure Ronja